Mein Australien
Mein Australien - Teil 6

Wüste, Wein und Würste

Es gibt Zeiten im Leben in denen man einfach keinen Urlaub braucht, ja, tatsaechlich! Der Job macht Spass und laesst einem die Freizeit, die man braucht, das Meer liegt vor der Haustuer, klimatisch die besten Bedingungen (so heiss und feucht, dass selbst die Einwohner das Weite suchen und Sahne ausserhalb des Kuehlschrank in fuenf Minuten ranzig wird). Und das 'Sahnehaeubchen des Lebens' sitzt auf dem Kuchen, und ein Schild "Ute" steht davor, und das ist die Zufriedenheit mit der Welt im allgemeinen und mit sich im besonderen.
Was will der Mensch mehr?
Und doch.... war da nicht noch das Stueck Salami?

Nachdem ich nicht nur Weihnachten sondern auch Silvester in trauter Zweisamkeit verbrachte (ihr erinnert euch: Minnie...), beschlossen die 'Umstaende', dass ich mich in meinem taschentuchgrossen Zelt auf dem Campingplatz um die Ecke von Peters Haus wohler fuehlte. Es war Monate her, dass ich wieder meinen kleinen Kocher anwerfen durfte, um das ohnehin schon lauwarme Wasser fuer den Kaffee zum Kochen zu bringen, und ich genoss das Gefuehl 'back to the roots' zu sein.

Mein Visum erforderte wieder einmal eine Ausreise, und die Mitarbeiterin im Flight Center in Alice Springs konnte sich scheinbar an mich erinnern, denn sie meinte spontan: "Der billigste (fuer alle Wortfreaks: guenstigste) Flug geht diesmal von Sydney nach Neuseeland".
So dachte ich mir, dass ich - wenn schon einmal in Australien - der Sued- und Ostkueste auch einen Besuch abstatten koennte... aber eigentlich war Urlaub das letzte was ich brauchte!

Dank der Zeit in Darwin und Peters Gastfreundschaft war die Reisekasse noch gut gefuellt, und ich beschloss mich zu 'verwoehnen' und eine Tour von Alice nach Adelaide zu buchen, denn auf meine "Suche MFG"-Anfragen hatte sich auch nach eineinhalb Wochen noch niemand gemeldet. Es ist kaum zu glauben, aber obwohl es in Alice Springs selbst fuer Salami gefaehrlich heiss war, gab es trotzdem genuegend Menschen, um die Tour, die ich ins Auge gefasst hatte, fuer eine weiter Woche auszubuchen. Die anderen Anbieter boten zwar fruehere Termine, erschienen aber weitaus unattraktiver, und gemaess dem Motto "Keine uebereilten Entscheidungen" setzte ich mich erst einmal ins Cafe der "Royal Flighing Doctors" um mich zu besinnen. (Jede Stadt hat ein Lieblingscafé...). Und waehrend ich so sass und schaute und dachte "Menschenskind, der Typ sieht meinem Freund Zijad aber verdammt aehnlich!", musste das Universum wohl wieder seine Hand im Spiel gehabt haben. Keine Stunde spaeter klingelte das Mobile (das sehr handy, wenn man eine MFG sucht, aber ansonsten ausgeschaltet ist), und keine weitere drei Stunden spaeter hatte ich meine MFG mit sehr sehr netten Menschen!

Nadine, eine sonnige Australierin, deren Vorstellung von einer Traumreise es ist, sich einmal um die Welt zu essen und Lev, ihrem israelischen Freund, der sich in der Wueste so wohl fuehlt wie Nadine am Tisch. Unsere ohnehin schon internationale Crew wurde mit Henry komplettiert, einem Kolumbianer, der seit fuenf Jahren in Oz unterwegs ist und seine Heimreise immer wieder verschiebt. Zudem erinnerte er mich sehr an meine Schwester - ein Grund mehr ihn zu moegen.
Ausserdem gab es "Elsie II", diesmal in beige und weniger liebevoll 'Monster" genannt. Ich erhielt zwar drei Tage hintereinander eine Nachricht von Nadine" Sorry, but we've still got problems with Monster", aber einmal unterwegs rollte es wieder wie von alleine.

Es scheint, als muesste ich alle Orte, die mich down under faszinieren, wenigstens zwei Mal besuchen, und so kam ich ein weiteres Mal in den Genuss von Kings Canyon, Uluru und 'The Olgas' - diesmal im Sommer und vielleicht in einer einmaligen Umgebung.

Das Zentrum Australiens hatte in den letzten drei Monaten 2001 so viel Niederschlag wie in den vergangenen drei Jahren zuvor (!), und alles gruente und bluehte, wuchs, gedieh, und von der Wueste keine Spur. Nun konnte ich mir auf dem Weg um Kings Canyon so viel Zeit lassen wie ich wollte, denn ich kannte den Weg, fungierte als 'Guide' und hatte in Nadine und Henry sehr entspannte Begleiter. Lev lag mit einer Erkaeltung im Zelt, aber die Chance den Canyon zu umwandern konnte er sich wohl nicht entgehen lassen.

Waehrend wir in der Hitze der gluehenden Mittagssonne gemaechlich im Schatten der Baeume auf dem Grund des Canyons entlangschlenderten, legte Lev den gleichen Weg, fuer den wir am Morgen vier Stunden benoetigt hatten, in eineinhalb zurueck. Auf unsere Fragen, ob er dies oder jenes gesehen haette, konnte er allerdings nur mit einem Kopfschuetteln antworten...

Obwohl ich wusste was mich an Uluru erwarten wuerde war ich fest entschlossen, dieser Sehenswuerdigkeit eine reelle Chance zu geben und mir die Menschen einfach wegzudenken. Doch trotz aller Konzentration, Imagination und selbst mit geschlossenen Augen war es mir einfach nicht moeglich! In unserer zivilisierten Welt mit Autos, Radio, TV und permanenter Musikberieselung ist der Laermpegel so hoch, dass viele Menschen sich scheinbar nur noch wahrnehmen, indem sie laut und unaufhoerlich reden. Bla, bla, bla!
Auf den neun Kilometern um diesen herrlichen Stein (diesmal barfuss, hatte ich doch in den letzten Monaten nur noch dann Schuhe getragen wenn ich unbedingt musste) kam ich nur selten in den Genuss friedlicher Betrachtung. In der Regel konnte ich die Menschen hoeren bevor sie aus den Bueschen auftauchten, und nur ein einziges Mal war ich ueberrascht, dass mir zwei Menschen entgegenkamen: in einigender Stille genossen sie ihren Spaziergang.

Wieder einmal stand Kata Tjuta (The Olgas) auf meiner Hitliste ganz oben. Keine 50 km von Uluru entfernt liegen die runden Kuppen, die aus der Ferne ein wenig an Bienenkoerbe aus Pisa erinnern, ruhig auf ihrem Platz, und waehrend sich an Uluru zum Sonnenaufgang Bus an Bus die Strasse entlangreiht, konnten wir in der Gesellschaft von gerade einmal sechs weiteren Menschen das gleiche praechtige Farbenspiel auf den Haengen von Kata Tjuta bewundern!

Das Kulturzentrum an Uluru erzaehlt viele Geschichten ueber Kuniya (die Phyton), Liru (eine Giftschlange) und Lungkata (die blauzuengige Eidechse) und ihre Bedeutung in der Entstehung Ulurus in der Traumzeit (dreamtime). Doch die Olgas sind mit keinem Wort erwaehnt, und das hat seinen tieferen Sinn. Kata Tjuta ist eine Begraebnisstaette fuer die Anangu (Volk, das um Uluru lebt), und nur Maennern, die alle Stufen der Initiation durchlaufen haben, ist es gestattet die Staette zu betreten. Der Glaube verbietet es jedoch ueber diese Initiationen zu sprechen, und somit ist der weis(s)e Mann mit seiner Weisheit am Ende. Punkt. Doch das macht die Sache ja gerade spannend: der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Auf den langen Kilometern von Erlunda gen Sueden machen wir in Kulgera Halt, der letzten Raststaette vor der Grenze nach South Australia, da ein Reifen ein wenig Luft verliert. Aber wir haben ja das brandneue Ersatzrad – das luft- und somit nutzlos auf Monsters Dach liegt...
Es sind 42 Grad im Schatten, die Luft schwirrt, Hitzeschlieren ueber dem Land. Nadine steht in der oefenntlichen Telefonzelle (immerhin im Schatten) um herauszufinden, wie und was die Versicherung an Reperatur- und Abschleppkosten uebernimmt. Nach 20 Minuten weiss sie immerhin, dass sich in Kulgera ein Mechaniker befinden muesste der Reifen flicken kann. Also macht sich Lev auf den Weg: Rein ins Roadhaus, rueber zur Tankstelle, in die Bar im Roadhouse, zurueck in die Tankstelle, rueber zum Roadhouse... eigentlich kann es ja nicht so schwierig sein, denn das IST Kulgera! Nach weiteren 20 Minuten, Nadine haengt immer noch in der Leitung, kommt Lev in Begleitung eines Typs aus der Tankstelle, der sich umstaendlich von seiner Kochschuerze befreit.
Take-away-food UND Mechaniker - in der Wueste ist man als Multitalent gefragt. Aber wer ahnt das schon?
Die eigentliche Reperatur nimmt eine weitere Stunde in Anspruch, Zeit genug fuer Henry um mit zwei Truckern, Lev mit dem Koch und Nadine mit der Frau von der Versicherung Freundschaft zu schliessen. Wo sind in solchen Momenten die Filmteams?
Um 22.30 h kommen wir in Cooper Pedy an, wo es um diese Uhrzeit immer noch stattliche 33 Grad hat.

Ich bin eigentlich keine Freundin von Modeworten und bemuehe mich auch beim Sprechen ganze Saetze zu bilden. Aber wenn ich an Cooper Pedy denke fallen mir hauptsaechlich Worte mit Ausrufungszeichen ein, wie SUPER! SPITZE! IRRE! COOL!
Man sagt von Cooper Pedy, dass - sie eine der heissesten Staedte Australiens sei. Zu Recht: im letzten Jahr fielen die Temperaturen im Januar und Februar fuer 42 (!) Tage am Stueck NIE unter 32 Grad. Und die Bodentemperaturen erreichen im Sommer locker ihre 65 Grad, was selbst fuer mich als Barfussfreaks schlicht und einfach zu heiss ist.
- ihre Bewohner eine schraege Mischung aus Geldgeiern, Outcasts, gesuchten Verbrechern, Minenarbeitern und ehemaligen Touristen darstellt, die irgendwann aus irgendwelchen Gruenden unterschluepfen wollten... oder mussten. Ich finde, dass diese Stadt eine der genialsten Verknuepfungen von 'Gegebenheit' und 'Notwendigkeit' ist!

Seitdem hier in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts Opale gefunden wurden zog und zieht es immer wieder Menschen an diesen Ort, die in kurzer Zeit das grosse Geld machen woll(t)en. Minenschaechte, Hoehlen und Loecher, sogenannte 'dugouts', durchziehen die Landschaft, und wo koennte man angesichts der unmenschlichen Temperaturen besser und kuehler wohnen als in eben diesen Schaechten? So koennen wir auch bei 33 Grad Aussentemperatur unsere Haeupter nach einem langen Tag bei angenehmen 18 Grad auf die Kissen betten – sechs Meter unter der Erde. Auf meinem Streifzug durch die Stadt am naechsten Tag stelle ich immer wieder fest, dass ich nicht auf dem naechsten Huegelchen, sondern auf jemandens Dach stehe... doch wo ist der Unterschied?
Die Abwesenheit der "Citylights" und plaziert inmitten von "Nichts" macht Cooper Pedy unter anderem zu einem hervorragenden Ort um des Nachts die Sterne zu betrachten und die Bedeutung der Spezies Mensch einmal mehr zu hinterfragen...
Henry verlaesst uns leider, da er auf dem schnellsten Weg nach Adelaide will - wir nicht.

Nichts. Wueste.

Das Gruen um Uluru hat sich ins nichts verfluechtigt. Nur Steine, dazwischen Teppiche aus graubraunem Pflanzenmaterial, vereinzelte Geroellbrocken, aber jede Menge gelber Staub. Lev ist in seinem Element (obwohl er immer wieder betont, dass die Wueste aus der ER kommt GANZ anders aussieht), und wir auf dem Oodnadatta Track. Die unbefestigte Strasse fuehrt entlang der alten Eisenbahnlinie zwischen Adelaide und Alice Springs, und es ist schlichtweg unvorstellbar, wie die Menschen in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter diesen klimatischen Bedingungen harte koerperliche Arbeit verrichten konnten.
Vielleicht haben sie sich ja die Spinnifex Hopping Mouse als Vorbild genommen, die den
konzentriertesten Urin in der Welt der Saeugetiere hat, da sie NIE trinken muss. Klar, dass das Tierchen nur naechtens umherhuepft...
Nach ca. 100 km und einem Blick auf die Karte (den Lev am Morgen verweigert hat) stellen wir fest, dass wir auf dem Weg nach Oodnadatta zwar richtig sind aber leider auch unnoetig. Der 'kleine' Umweg ueber Oodna-bloody-dingo-whoop-whoop-datta (wie im Roadhouse, das gleichzeitig Post, Bank, Tankstelle und Supermarkt ist, zu lesen) beschert uns 300 weitere Kilometer. KLASSE, LEV!
Wir spielen "Ich sehe was, was Du nicht siehst" - und siehe da: die Wueste lebt! Der Track fuehrt ueber William Creek, das genauso gross ist wie Ood....ta, aber eine Sehenswuerdigkeit vorweisen kann. Das Roadhouse, ueber und ueber in einem ehemals strahlenden jetzt leider schon etwas verblichenen Rosa gehalten. ... aber Pink eben... Das ist William Creek, Marree ist schon etwas groesser, und am Ende des Tracks liegt Leighton, kaum erwaehnenswert aber nach der Wueste ein wahrer Zivilisationsschock..
Auf dem Campingplatz in Copley sind wir die einzigen Gaeste.
Der naechste Tag fuehrt uns durch die Flinders Ranges, die den Kimberley sehr aehnlich sind. Ich waere daher gerne noch etwas laenger dort geblieben, doch Nadine will raus aus dem Staub und ran an den Speck: Clare Valley und Barossa Valley, eines der bekanntesten Weinanbaugebiete Australiens, liegen vor uns! Und wo Wein, da auch Essen...

Von neuneinhalb Monaten auf diesem wunderbaren Kontinent habe ich ca. acht in relativ karger, zumindest nicht im grossen Stile landwirtschaftlich genutzter Umgebung verbracht. Somit war ich gaenzlich unvorbereitet auf das was mich im Sueden erwartete! Getreidefelder, wohin das Auge blickt, "richtige" Baeume, gross und schattig, glueckliche Kuehe, und die Rebe braucht keinen Suedhang um exzellente Weine hervorzubringen.
Nadine mag eigentlich keinen Wein, und so ist sie zum Fahren verdammt, bzw. zum nicht-fahren, denn alle fuenf Kilometer ist wieder eine Winzerei. Ich spezialisiere mich auf Shiraz, Lev kostet suesse Dessertweine, was schnell dazu fuehrt, dass wir beide immer ausgelassener werden und Nadine sich zusehens langweilt. Also schliessen wir einen Kompromiss: auf fuenf Winzereien kommen drei 'Sehenswuerdigkeiten' ihrer Wahl... ein Cafe, wo Devonshire Tea gereicht wird, das Lokal einer der bekanntesten Koechinnen down under und eine Baeckerei in der es Brot gibt, das nicht nur als Toast geniessbar ist! Die Getreidefelder haben also auch durchaus ihren Vorteil, und doch...

Auf die Frage, welcher Teil Australiens mir besser gefaellt, kann ich jetzt schon antworten. Warum?

Nun, der Sueden ist
a) zu kalt,
b) zu zivilisiert und
c) was das wichtigste ist: es gibt zuuuuu viele Zaeune!

Es scheint, als haette ich meinen Platz gefunden.

In diesem Sinne und mit einem ***dicken Knutsch***

Ute!


Lesen Sie auch: