Mein Australien Ein Tag im Paradies
Mein Australien - Teil 7

"Ein Tag im Paradies" oder: "Liebeserklärung an eine Salatschüssel"

Die Stadt liegt an der Ostkueste, ca. 200 km suedlich von Townsville, und unterscheidet sich massiv von so vielen anderen 'kleinen' Orten, die ihr Dasein durch den Tourismus finanzieren und ihre natuerliche Schoenheit mit geteerten Wegen und manikuerten Rasenflaechen verdeckt haben. Es ist eine gemuetliche 'country town', mit viel Landwirtschaft drum herum. Ein wenig rauh, ein wenig schaebig auf den ersten Blick, und auf keinen Fall huebsch – wenigstens nicht beim ersten Hinsehen! Die Auslagen in den Schaufenstern im 'Stadtzentrum' habe ich das letzte Mal in den spaeten 60ern gesehen, und das Wochenende beginnt gerne schon Freitag mittags.

Es ist Herbst hier, und die Leute sagen: "In der Erntezeit ist der Teufel los". Aber diese beginnt erst noch, und daher wirkt die Stadt noch verschlafener als sie ohnehin schon ist. Von 12 bis 14 Uhr ist Lunchtime - die Sonne brennt auf die Strassen nieder, die in Deutschland gut und gerne jede Hauptverkehrsstrasse an Breite in die Tasche stecken koennen. Hier tuckert ein einsamer Wagen mit 40 km/h die Strasse entlang, und ich scheine der einzige Mensch weit und breit zu sein.
Das war vor drei Wochen.
Mittlerweile hat die Stadt Ostern ueberlebt, eine Zeit, in der sich die Einwohnerzahl laessig vervierfacht, und wenn man jetzt um die Mittagszeit ueber die Hauptstrasse schaut, ist kein Mensch zu sehen.
Die Menschen, die hier leben, haben recht: es ist einfach zu heiss, um das Mittagessen in angemessener Form zu verdauen - daher bin ich um diese Tageszeit meistens schwimmen.

Ich sitze in "meiner" Kueche auf dem Campingplatz an der Horseshoe Bay: zwei Waende, ein Dach. Wenn ich nach links schaue, blicke ich auf die Bucht von Queens Beach. Der Strand, ein heller Streifen vor dem Hintergrund der Berge, umfasst das Blau des Meeres in einem sanften Bogen. Dunkelblau, hellblau, himmelblau. Dort wo die Wolken sich im seichten Wasser ueber den Korallen spiegeln, liegen Tuerkise und Smaragde auf dem Meeresgrund. Die Wellen kraeuseln sich sanft. Der Wind streicht mir um Kopf und Schultern, der rostige Kuechenofen zu meiner Rechten birgt immer noch die Asche vom vergangenen Jahr, und die Gartenbank, auf der ich sitze, schaukelt bedenklich. Die Anstriche von Bank und Tisch sind noch in Ansaetzen zu erkennen: urspruenglich wohl einmal weiß, dann gelb, jetzt blau - tiefblau, meeresblau. Der große Kuehlschrank vor mir birgt alles was ich zum Leben brauche: Wasser, der Rest passt in zwei Einkaufstueten.

5.30 a.m., der Wecker klingelt oder auch nicht. Meistens bin ich trotzdem wach. Auf dem Weg zur Bucht, ca. 150 Meter entfernt, steht ein Frangi Pangi Baum. Der Duft der Blueten haelt sich tagelang, selbst wenn diese schon laengst braun und verwelkt sind, und jeder Tag schenkt mir eine neue Bluete. An der Bucht habe ich die Qual der Wahl: die Felsen zur Rechten laden zum Sitzen, die zur Linken zum Klettern ein. Beide Seiten eignen sich jedoch hervorragend, um die ersten Sonnenstrahlen mit ein paar Yogauebungen zu begrueßen.
Sonnenauf- und -untergaenge sind in den Tropen eine kurze Angelegenheit: zwei Minuten, und dann ist der Planet vollstaendig am Himmel - oder von diesem verschwunden. Spannend ist die Stunde davor, bzw. danach wenn die Farben sich am Himmel ueberschlagen und jeden Maler zur Verzweiflung treiben. Der Versuch, diese Momente auf Papier zu bannen, endet zwangslauefig immer in Kitsch!

Jetzt ist Zeit fuer eine Tasse Kaffee, die ich am liebsten auf eine der Schaukeln, die am Strand stehen, zu mir nehme. Ein im wahrsten Sinne des Wortes beschwingender Moment! Die Bewegung macht hungrig: Zeit fuer's Fruehstueck. Ein wenig lesen, ein wenig schreiben, ein Schwaetzchen hier und da.
9.50 a.m., der Bus kommt, unter der Woche, und dann drei Mal taeglich. Sonntags nie. Der letzte Bus aus der Stadt zurueck zur Bucht faehrt um 1.40 p.m. an der Buecherei ab. Natuerlich nur von Montag bis Freitag; samstags gilt ein eingeschraenkter Fahrplan.

In der Stadt: einkaufen in einem der beiden Supermaerkte. Das Internet-Café ist im Computerfachgeschaeft der Stadt untergebracht, und man muss sich in ein großes Buch eintragen wenn man ins Netz geht. Ich habe noch nie erlebt, dass beim Kassieren jemand in dieses Buch gesehen haette - ein Vorteil der Kleinstadt. Ehrlichkeit als Basis fuer Geschaefte, hier zaehlt noch der traditionelle Handschlag fuer einen Geschaeftsabschluss, und ein Wort ist ein Wort.

Mittagszeit. Meistens habe ich das 50-Meter-Becken fuer mich alleine. Das Wasser ist so klar und der Himmel so blau, dass ich zuerst meine Hand ins Becken tauche um mich zu vergewissern, dass es auch wirklich Wasser enthaelt!

Wenn ich den letzten Bus verpasse, bzw. verpassen will, laufe ich zurueck. Der erste Kilometer an der Strasse entlang fuehrt durch Mangroven - Vorsicht, Salzwasserkrokodile! Schwimmen nicht gestattet! Die naechsten ein einhalb Kilometer am Strand entlang laden zum Baden ein: Sandstrand, schoener weißer Strand, leider zu dieser Jahreszeit noch Tummelplatz fuer die giftigen Boxjellyfish. Die letzten drei Kilometer fuehren ueber einen Pfad ueber zwei Huegel, von denen man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und die umliegende Kuestenlinie hat. Den Track kenne ich mittlerweile wie meine Westentasche, und es gibt keine Tages- oder Nachtzeit, zu der ich hier nicht schon entlanggewandert waere - ohne Taschenlampe. Und will ich einmal nicht den Pfad entlang gehen, dann klettere ich bei Ebbe ueber die Steine entlang des Wassers. Das dauert zwar ein wenig laenger, aber haelt fit.

Am fruehen Abend baumelt die Seele. Seit zwei Tagen ist die Sauna auf dem Campingplatz in Betrieb; der Ofen ist alt und rostig, und wenn er bullert, wackeln im wahrsten Sinne des Wortes die Waende. Aber er tut's.

Außer mir leben hier zur Zeit noch zwei andere 'Dauergaeste': Des hat einen Schulbus ausgebaut, und momentan ist sein krebskranker Bruder Dal zu Besuch. Die beiden gehen jeden Tag in einer der unzaehligen Buchten der Umgebung fischen und genießen das Leben in seiner Einfachheit. Enjoy your day! Wir verstehen uns prima.

Daniels Eltern leben in einem Wohnwagen mit allen Schikanen: Fernsehen, Radio etc. pp. Es ist interessant, in wie vielen Variationen man das Wort 'F....ing' verwenden kann - Sprache als Spiegel dessen, wie wir uns und die Welt wahrnehmen? Mittlerweile ist der Familienfriede wieder eingekehrt, und Daniel, gerade 18 geworden, geht jeden Tag angeln und speerfischen. Gestern brachte er eine wunderschoene große Muschel: "Hier, wenn Du sie haben willst - nimm." Ich wollte sie haben. Thank you, sweetheart!

Zum Sonnenuntergang laden zwei Plaetze auf den Felsen ganz besonders ein, um erneut das Farbenspiel am Himmel zu betrachten. Wenn die Sandfliegen oder Moskitos es dann doch zu doll mit einem treiben, legt man sich einfach in das warme seichte Wasser am Strand - in "meiner" Bucht gibt es keine Quallen.

Manchmal mache ich das alles an einem Tag, manchmal nur das ein oder andere davon. In die Stadt fahre ich zwei mal pro Woche. Der "Rest" ist einfach da, unbezahlbar schoen und wundervoll!
Vor Ostern hatte ich Besuch von meinem belgischen Freund Thomas. Die Nacht zu Vollmond saßen wir auf den Steinen und wussten nicht, wohin wir zuerst schauen sollten!!! Im Westen, links von uns, gluehte der Himmel im Sonnenuntergang, direkt ueber uns wurde ein Stern nach dem anderen angeknipst, und im Osten versprach der Vollmond jede Minute groß und rot am Horizont zu erscheinen.
Eine wortlose Stunde spaeter, in der wir nichts weiter taten als diesem grandiosen Lichtspektakel zuzusehen, stellte mir Thomas eine wichtige Frage: "Wie, um HerrGott’s Willen, hast Du eigentlich dieses Paradies gefunden, dieses  Nest, von dem noch kein Mensch etwas gehoert hat?"

Das Klima ist optimal, die Sonne scheint 310 Tage im Jahr, die Palmen sind voller Kokosnuesse, und man nennt Bowen auch die 'salad bowl' von Australien.
Und haette ich nicht auf die Stimme meines Herzens gehoert und waere meiner Intuition gefolgt... nun, dann - und darueber bin ich mir sicher! - dann haette ich Bowen wahrscheinlich genauso uebersehen wie viele andere vor mir auch!!!

Another day in paradise!
Mit einem Herzen voller Liebe grüßt Euch

*Uta*(jetzt endlich Nichtraucherin!)


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